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Gönnen können: Warum Genuss kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit ist

Darf man sich zwischen Krisen in der Welt etwas (vermeintlich) so Profanem wie Beauty und Wellness hingeben? Unbedingt. Eine Kolumne.

Von hier oben sieht die Welt so unverdorben aus, als gäbe es nichts als gute Nachrichten. Ich freue mich wie irre über diesen verrückten Trip: 36 Stunden in Paris, nur für die Schönheit. Ein paar Wochen zuvor hatte ich plötzlich so ein Verlangen nach Opulenz, so viel Lust aufs Leben und so viel Bock auf Beauty, dass ich in einem Anfall von Hedofatalismus ein Facial im Healing House von Muse & Heroine gebucht hatte.

Eigentlich wollte ich vor allem eins: mich um nichts kümmern müssen. Keine Termine, keine Nachrichten, keine To-do-Liste. Nur liegen, atmen und jemand anderen machen lassen. Und genau das nehme ich aus Paris mit nach Hause: Wellness muss nicht immer eine Reise, ein teures Treatment oder ein Hotelzimmer sein. Man kann sich ein Stück davon auch ins eigene Badezimmer holen.

Aus dem Bad wird ein Rückzugsort

Hedofatalismus – zusammengesetzt aus Hedonismus und Fatalismus – beschreibt die Lust am Genuss im Hier und Jetzt. Ich mag den Gedanken inzwischen lieber, als mir selbst ständig einzureden, dass ich mich erst um alles andere kümmern muss, bevor ich an mich denken darf.

Denn was in Paris so selbstverständlich wirkte, lässt sich erstaunlich einfach in den Alltag übersetzen. Ein Bad muss nicht nur der Ort sein, an dem man schnell duscht, sich die Zähne putzt und anschließend wieder verschwindet. Es kann ein Raum sein, in dem man für ein paar Minuten aus dem Funktionieren aussteigt.

Dafür braucht es nicht einmal eine besonders luxuriöse Ausstattung. Ein aufgeräumtes Waschbecken, warmes Licht, ein gutes Handtuch, ein angenehmer Duft und Produkte, die man gerne benutzt, können schon einen Unterschied machen. Entscheidend ist weniger der Preis als die Aufmerksamkeit, die man dem Moment gibt.

Der Körper hat Priorität

Während ich über den Wolken nachdenke, ob man wirklich für ein Facial nach Paris fliegen muss, kommt mir der Gedanke: Vielleicht ist die wichtigere Frage, warum wir Wellness im Alltag so selten ernst nehmen.

Ich kann mir natürlich nicht jedes Wochenende eine Behandlung leisten. Ich kann aber zehn Minuten länger unter der Dusche stehen. Ich kann mir das Gesicht langsam eincremen, statt die Creme nebenbei aufzutragen. Ich kann mir nach einem langen Tag ein warmes Bad einlassen und das Handy draußen lassen.

Das klingt banal. Ist es vielleicht auch. Aber genau darin liegt für mich inzwischen der Luxus: nicht immer mehr zu besitzen, sondern einen alltäglichen Moment bewusster wahrzunehmen.

In Paris wurde mir das besonders deutlich. Während mir eine andere Person über die Stirn strich und ich langsam merkte, wie mein Körper schwerer wurde, dachte ich plötzlich an all die Anspannung, die man sonst einfach mit sich herumträgt. Im Gesicht, in den Schultern, im Nacken. Und daran, wie selten ich mir erlaube, wirklich nichts zu tun.

Selbstfürsorge beginnt bei kleinen Ritualen

Früher habe ich Beauty stärker über das Ergebnis gedacht: bessere Haut, gepflegtere Haare, ein frischerer Teint. Inzwischen interessiert mich mindestens genauso sehr, was während der Anwendung passiert.

Kosmetik kann ein kleines Ritual sein. Das Eincremen wird zur Berührung. Das Haarewaschen zu einer Pause. Eine Gesichtsmaske zu zwanzig Minuten, in denen man nicht gleichzeitig etwas erledigt.

Genau deshalb gefällt mir der Gedanke, das eigene Badezimmer ein wenig wie einen Wellnessort zu behandeln. Nicht, indem man es mit möglichst vielen Produkten vollstellt, sondern indem man sich überlegt, was dort eigentlich passieren soll.

Ich brauche zum Beispiel keine zehn verschiedenen Seren. Mir ist inzwischen wichtiger, dass ich ein Produkt wirklich gerne benutze. Dass die Textur angenehm ist, der Duft mir gefällt und ich nicht das Gefühl habe, gerade eine weitere Aufgabe auf meiner Liste abzuarbeiten.

Entspannung lässt sich lernen

Zwei Stunden nach meiner Ankunft im Healing House liege ich im Marais unter einer Missoni-Decke. Eine wunderschöne Finnin streicht mir mit einem Stein über die Stirn, und ich versinke für 100 Minuten in einen Zustand, in dem ich irgendwann nicht mehr weiß, worüber ich gerade noch nachdenken wollte.

Weder Geld noch schlechtes Gewissen noch meine Gesichtsmuskeln spielen plötzlich eine Rolle.

Die Behandlung kombiniert Gua Sha, Akupressur und Massage. Natürlich kann ich daraus zu Hause kein professionelles Treatment machen. Aber ich kann mir einige Elemente abschauen: langsame Bewegungen, Wärme, Ruhe und Berührung. Eine Gesichtsmassage mit den Händen dauert nur wenige Minuten. Ein warmes Handtuch auf dem Gesicht kann aus einer gewöhnlichen Reinigung ein kleines Ritual machen.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Lektion aus Paris: Entspannung muss nicht spektakulär sein. Sie muss nur stattfinden.

Mein eigenes kleines Wellnessprogramm

Seit Paris versuche ich deshalb, mein Badezimmer nicht mehr ausschließlich funktional zu betrachten. Manchmal dimme ich das Licht, lasse das Handy vor der Tür und nehme mir bewusst Zeit für meine Hautpflege. An anderen Tagen reicht eine lange Dusche mit einem guten Duschgel und anschließend ein Körperöl.

Es geht dabei nicht darum, aus jedem Abend ein Spa-Erlebnis zu machen. Im Gegenteil. Wenn Wellness zur nächsten Aufgabe wird, hat sie ihren Sinn schon wieder verloren.

Ich glaube inzwischen, dass Luxus viel weniger mit Geld zu tun hat, als wir denken. Luxus kann bedeuten, zehn Minuten lang nicht erreichbar zu sein. Sich nicht zu beeilen. Den eigenen Körper wahrzunehmen. Und sich nicht dafür rechtfertigen zu müssen, dass man sich gut fühlen möchte.

Paris hat mich daran erinnert. Das Gute daran: Für die nächste Anwendung muss ich nicht ins Flugzeug steigen. Mein eigenes Bad ist schließlich schon da.