Badezimmer gehörten im 19. Jahrhundert noch nicht zur Standardausstattung von Wohnhäusern. „Erst mit dem Einzug von fließendem Wasser und modernen Sanitäranlagen entstand ein völlig neuer Raumtyp – einer, der in der Gestaltung bis dahin keine Rolle gespielt hatte“, erklärt Erin Byrd Oliver, leitende Designerin bei American Restoration Tile in Little Rock, Arkansas.
Zu Beginn seien Bäder häufig noch mit Holzvertäfelungen, lackierten Böden und kunstvollen Schränken ausgestattet gewesen, so Byrd Oliver. Doch diese Materialien erwiesen sich bald als unpraktisch. „Vor den sechseckigen Fliesen hatte man lackierte Holzböden – schön, aber nicht resistent gegen das Wasser aus der neuen Badewanne. Porzellanfliesen dagegen waren flecken- und wasserbeständig und damit deutlich haltbarer.“
Funktion trifft Stil
Die Einführung der kleinen sechseckigen Fliesen war eine ebenso funktionale wie ästhetische Entscheidung. Die sogenannten Hexagon Tiles galten als elegant und modern, beeinflusst vom britischen Stil jener Zeit. „Sie verliehen dem amerikanischen Badezimmer ein sauberes, anspruchsvolles Flair – ganz im Stil der Briten“, sagt Byrd Oliver.
Um die Jahrhundertwende setzten sich geflieste Badezimmer immer stärker durch. Nicht nur aus praktischen, sondern auch aus hygienischen Gründen: Die aufkommende Keimtheorie hatte das Bewusstsein für Sauberkeit verändert. „Ein gefliestes Bad ließ sich problemlos mit einem Wasserschlauch reinigen und hygienisch sauber halten“, berichtete 1907 The Journal and Tribune aus Knoxville, Tennessee.
Die Spanische Grippe von 1918 verstärkte diesen Trend. „Sechseckfliesen mit 2,5 cm Kantenlänge auf dem Boden und Metrofliesen an den Wänden dienten vor allem der Hygiene“, erklärt Byrd Oliver. „Ihre schmalen Fugen und die wasserundurchlässige Oberfläche machten es Krankheitserregern schwer, sich festzusetzen.“
Vom Weiß zur Farbe
Nach der Pandemie änderte sich der Geschmack: Die Menschen wollten sich von der strengen, weißen Krankenhausästhetik lösen. Um 1910 kamen neue Pigmente auf den Markt, die es ermöglichten, farbige Fliesen zu produzieren. „Zunächst tauchten Schwarz, Braun, Blau und Grün auf, später dekorative Bordüren und Muster“, erzählt Byrd Oliver.
Besonders beliebt war ein tiefes Burgunderrot, das durch Eisenoxid-Pigmente entstand, die bei niedrigen Temperaturen gebrannt wurden. „Man sieht diese Farbtöne heute noch in den Eingangsbereichen alter Stadthäuser in New York oder Chicago – jede Variation erzählt von den experimentellen Brennmethoden jener Zeit.“
Bis Mitte der 1920er-Jahre wurden Badezimmer zunehmend individueller. Gelb, Rosa und Oliv kamen in Mode, und in den 1930er-Jahren war das gesamte Farbspektrum vertreten – von Pastelltönen bis zu kräftigen Akzenten.
Moderne Technik, bessere Hygiene
Auch die Produktion entwickelte sich weiter. „In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden Fliesen kleiner, dichter und hygienischer“, erklärt Hans Van Lemmen, Präsident der Tiles and Architectural Ceramics Society in Großbritannien. Miniaturformate ermöglichten nahezu fugenlose, mosaikartige Verlegungen – strapazierfähig, dekorativ und leicht zu reinigen. Zudem verbesserten kleinere Fliesen die Rutschfestigkeit auf nassen Böden erheblich.
Vom Verschwinden zur Wiederentdeckung
Nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten klassische Hexagon- und Pennyfliesen allmählich in Vergessenheit. In den 1950er- und 1960er-Jahren dominierten farbige, quadratische Keramikfliesen das Bild, ehe neue Materialien wie Vinyl und Laminat aufkamen. Doch seit einigen Jahren erlebt das Sechseckmuster ein beeindruckendes Comeback.
„Viele junge Menschen kaufen heute ältere Häuser – Bungalows, Craftsman-Häuser oder Vorkriegsbauten – und möchten sie im Originalstil restaurieren“, sagt Byrd Oliver. Der Retro-Trend trifft dabei auf den Wunsch nach Langlebigkeit und handwerklicher Qualität.
„Ich glaube, Millennials und die Generation Z lehnen die Wegwerfmentalität ab, mit der sie aufgewachsen sind“, meint sie. „Sie sehnen sich nach Dingen, die mit Sorgfalt gefertigt wurden und Bestand haben.“
Heute verbinden moderne Designer die klassische Form mit neuen Materialien: farbige Glasuren, Naturstein oder sogar Fliesenmuster mit Schriftzügen. So bleibt die Sechseckfliese, einst Symbol für Hygiene und Moderne, ein zeitloser Klassiker – zwischen Nostalgie und Designavantgarde.
